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Nachdem ich Bolivien auf meiner ersten Tour schon mal bereist hatte (siehe Bolivien – Okt/Nov24) soll das Land dieses mal nur eine kurze Durchgangsstation auf dem Weg nach Argentinien sein. Ich hatte Bolivien damals als anstrengend erlebt. Die zehrende, dünne Höhenluft in den Anden, die vielen Straßenblockaden und der daraus resultierende Treibstoffmangel sind mir immer noch im Gedächtnis. Nun, das mit der Höhenluft hat sich schon Mal erledigt, denn meine Route führt mich dieses Mal nur durch eine riesige Tiefland- und Savannenregion, die den Anden vorgelagert ist. Und laut einer Website der Regierung sind aktuell keine Blockaden gemeldet. Es kann also losgehen.
Der Grenzübertritt von Brasilien nach Bolivien verläuft problemlos, keine Warteschlangen, es dauert aber doch lockere eineinhalb Stunden, bis alle Formulare ausgefüllt sind. Ich möchte nicht wissen, was los ist, wenn vor einem gerade eine größere Gruppe angekommen ist. Auch die erste Zollkontrolle im Landesinneren verläuft entspannt. Die Jungs sind mehr an einem Selfie als an einer Überprüfung interessiert.

Ich habe das Glück, an der Grenze einen Motorradfahrer kennen zu lernen, der so wie ich nach Sierra Cruz de la Sierra will. Douglas kommt aus Alaska, ist schon sei drei Jahren in Mittel- und Südamerika auf seiner Suzuki 650 Vstrom unterwegs und befindet sich wieder auf dem Heimweg, Wir verstehen uns auf Anhieb, es ist schön, sich mal gemeinsam freuen zu können und am Abend das Erlebte Revue passieren zu lassen. Und man kann die wichtigen Endscheidungen zu zweit besprechen, soll man am Morgen bei vorhergesagtem Gewitter und Sturm tatsächlich losfahren oder lieber noch bleiben und einen Tag in dem gemütlichen Hotel abhängen, solche Sachen eben.

Unser erster Stopp, das Städtchen San José de Chiquitos, ist ein typisch spanisch geprägter Ort mit quadratischer Plaza de Armas und Kirche in der Mitte, wirkt gemütlicher und traditioneller als die modernen Städte Brasiliens, die ich gesehen habe. Und wir haben Glück, es ist Samstag und es ist was los hier, am Abend findet der Día de la Tradición Josesana, der Tag der Tradition in San José mit traditioneller Musik, Masken und Tänzen statt.










Obwohl es tatsächlich keine Strassenblockaden gibt, müssen wir bei unserem ersten Tankstopp dann doch anstehen, der Tankwagen hatte sich verspätet und kam gerade erst an. Doch meine Erfahrung mit aktivem Anstehen bringt uns schnell in eine gute Position und wir können die Wartezeit mit 20 Minuten in einem erträglichen Rahmen halten. Sobald das Benzin wieder sprudelt, kommen auch die Anwohner mit ihren Kanistern angerannt und bunkern Sprit, den sie dann bei der nächsten Verknappung teuer an Touristen verkaufen.





Auf der Weiterfahrt, Douglas ist schon vorausgefahren, sehe ich ein Schild mit der Aufschrift Aguas Caliente, was hier ausnahmsweise nicht heißes Wasser für den allgegenwärtigen Matetee bedeutet sondern heiße Quellen. Wie schräg, sich bei 42 Grad in bieselwarmes, knietiefes Wasser zu legen, aber unglaublich, es ist erfrischend und wohltuend. Im Gegensatz zu der Massage, die ich mir gönne. In die groben und wohl autodidaktischen erworbenen Fähigkeiten der Masseurin habe ich kein großes Vertrauen und verweigere das obligatorische Einrenken der Halswirbel.


Aber noch viel bizarrer sind die anderen Badegäste, Mennoniten Alter Ordnung, wie sie die KI bezeichnet, die auf die Annehmlichkeiten der modernen Technik weitestgehend verzichten. Dass ich ihr altes „Ditsch“ nicht verstehe, sie mein „Deutsch“ ebensowenig und dass mich ihre traditionelle Kleidung stark an die alte Fernsehserie Die Waltons erinnert, ist ja noch eine Sache. Aber die kalten, abwesenden Blicke lassen mich erschauern. Als wenn sie unter Drogen wären. Weitere Spekulationen über die Familienplanung innerhalb geschlossener Großfamilien will hier gar nicht anstellen. Lieber schnell weg hier.




Beim nächsten Tankstopp haben wir Glück, es ist eine der vielen Tankstellen, die Sprit an Ausländer nicht verkaufen wollen oder dürfen. Kostet der Liter Benzin für Bolivianer umgerechnet ungefähr 50 €Cent, müssen Ausländer wegen höherer Benzinsteuer ca. 70 €Cent berappen. Und diesen Verwaltungsaufwand bietet die Tankstelle nicht an. Aber da mit uns gerade eine Bolivianische Motorradclique ihre Maschinen voll macht, tanken wir einfach auf deren Rechnung mit und geben ihnen das Geld dann direkt. Die nette Frau von der Tankstelle scheint das nicht zu stören.



In der Millionenstadt Santa Cruz de la Sierra lasse ich erstmal meinen Vorderreifen montieren und bin froh, das sperrige Ding nicht mehr mitschleppen zu müssen. Die Stadt selbst ist wie die meisten Großstädte in Südamerika hektisch und laut mit einer historischen, gemütlichen und sicheren Innenstadt und vielen guten Restaurants um die Plaza de Armas. Wobei sich mir der Namen der Stadt nicht ganz erschließt, bedeutet er doch übersetzt Heiliges Kreuz der Berge, die die Stadt sich aber eindeutig in einer Tieflandebene befindet.
Hier trennen sich dann unsere Wege, während es für Douglas in den äußersten Norden Amerikas, nach Alaska geht, zieht es mich mach unten in den äußersten Süden nach Patagonien, gegensätzlicher können Ziele nicht sein. Gute Fahrt Douglas!
500 eintönige Kilometer bis zur Grenzstadt Yacuíba sind schnell abgerissen. Leider wird es immer grauer und der Wetterbericht für den Norden Argentiniens verspricht auch keine Sonne. Mal schauen.
