Das 17. Bundesland
Nach den beeindruckenden Iguazu-Wasserfällen geht es heute weiter nach Paraguay, einen neuen Länderpunkt einheimsen. Zuvor jedoch schaue ich mir noch den riesigen Itaipu-Staudamm mit seinem großen Wasserkraftwerk an, der je zur Hälfte zu Brasilien und zu Paraguay gehört. Die beiden Länder teilen sich die erzeugte Energie, die für Paraguay immerhin den kompletten Jahresbedarf abdeckt.


Der Grenzübergang bei Foz de Iguazu ist unglaublich hektisch, denn gefühlt halb Brasilien fährt rüber in die Paraguayische Grenzstadt Ciudad del Este, um in den vielen Einkaufszentren zollfrei einzukaufen. Den hunderten Motorradtaxi gleichtuend, drängele ich mich auch auf dem Mittelstreifen vor, unterschätze aber die Breite meiner Seitenkoffer und reiße einem Taxi den Kotflügelblinker ab. Ich kann gerade noch einen Sturz vermeiden, befürchte aber, dass der Taxler aus dem Schaden ein Geschäft für sich generieren möchte. Scheinbar muss ich ihn mit einem derart treuherzigen Hundeblick angesehen haben, dass er nur lachend abwinkt und weiterfährt.

Durch Cuidad fahre dann ich eisern ohne Stopp durch, um nicht in einem der großen Elektroläden in Versuchung zu geraten und Zeugs zu kaufen, das zwar günstig ist, ich aber eigentlich nicht brauche, das neueste iPhone z.B. War nicht einfach, aber ich hab’s geschafft!
Paraguay hat eigentlich außer unendlicher Weite mit viel Landwirtschaft nicht wirklich viel zu bieten und wird daher auch von den meisten Reisenden umfahren. Mich interessiert aber das 17. Bundesland, wie ich es jetzt einfach mal nenne, trotzdem, denn es gibt in Paraguay mehrere Deutsche Kolonien mit Auswanderern aus verschiedenen Epochen. Ich bin neugierig zu erfahren, was die Motivation war auszuwandern und wie es den Menschen heute so geht. Vielleicht liegt mein Interesse ja in meiner Herkunft begründet, war meine Mutter doch eine Sudetendeutsche Geflüchtete, die ihre Heimat verlassen musste.


Mein erster Stopp ist die Colonia Independencia im Süden Paraguays, die nach dem ersten Weltkrieg von Deutschsprachigen Aussiedlern gegründet wurde. Deren Nachfahren sprechen immer noch perfektes Deutsch. Da Paraguay eine lockere Einwanderungspolitik hat, kamen, insbesondere ab 2020, immer wieder neue deutschsprachige Einwanderer jeglicher Couleur dazu, die eines eint, die Unzufriedenheit mit der alten Heimat und dem festen Glauben, dass Deutschland bald den Bach runtergehen wird. Dafür kann man sich hier mit etwas Geld ein nettes Häuschen bauen oder eine Cafe oder Metzgerei eröffnen, in der es tatsächlich Weisswürste gibt. Nur die Versorgung mit Händlmaier Weisswurstsenf schwächelt noch. Aber da kennt der erfahrene Kolonist natürlich einen Trick: einfach Develey Weisswurstsenf mit Hengstenberg Meerrettich aus dem Deutschen Supermarkt mischen, fertig ist der Händlmaier!





Aber die größte Köstlichkeit kommt natürlich aus dem Land selbst! Das Paraguayische Rindersteak von Jörgs Grill ist zum Reinsetzen. Das wäre jetzt für mich ein Grund zum Auswandern!


Es ist Samstag Abend und ich muss mich entscheiden, zwischen Deutsch-Kolonialem Discoabend oder Paraguayischem Stierkampf. Ich entscheide mich für Zweiteres. Aber keine Angst, der Stier wird nicht getötet, nur so lange von den vielen Toreros getriezt, auf ihm rumgeturnt und am Schwanz gezogen, bis er vor Erschöpfung aufgibt. Vorher geben noch zwei Pausenclowns ihr Bestes. Ich will hier nichts bewerten, nur berichten. Aber den Zuschauern scheint es zu gefallen.












Ich eh ganz bin angenehm überrascht über die nette und zuvorkommende Art der Paraguayos. Ganz anders als kürzlich die ruppigen Spieler ihrer Nationalmannschaft während der WM.




Auf dem Weg zu Paraguays Hauptstadt Asunción mache ich noch eine kurzen Stopp bei Sabine, einer Bäuerin, die in den 80ern aus reiner Abenteuerlust mit ihrem Mann ausgewandert war – also ein ganz anderer Hintergrund wie oben – und heute einen Hof mit 50 Milchkühen bewirtschaftet. Da hat sie einiges zu tun, zumal die Vorgaben der EU auch so langsam nach Paraguay durchschlagen. Nachdem Sabine ursprünglich aus der Augschburger Gegend kommt, kann ich endlich mal wieder mal meinen Dialekt pflegen.

Irgendwie habe ich es mit den Städten nicht mehr so. Ich hab wohl schon zu viele alte Kirchen und historische Paläste in Südamerika gesehen. Da muss ein Foto vom Präsidentenpalast in Asunción reichen und ich genieße stattdessen die Annehmlichkeiten im historischen Gran Hotel del Paraguay.








Mein letzter Besuch in Paraguay gilt den Mennoniten, die einer evangelischen Freikirche angehören, die Säuglingstaufe und Kriegsdienst ablehnen und die nach vielen Jahrhunderten der Verfolgung vor knapp 100 Jahren im trockenen und schwer zu bewirtschaftenden Norden Paraguays, dem Chaco, eine neue Heimat gefunden haben. Der Name ihrer Kolonie heißt vielsagend Fernheim. Ich habe das Glück, an einem großen, gemeinsamen Sonntagsmahl teilnehmen zu dürfen. Mit meinen Motorradklamotten falle ich natürlich gleich auf und bin sofort in nette Gesprächen verwickelt. Alles Liebe Leute, von Technikfeindlichkeit oder irgendwelchen anderen abstrusen Einstellungen keine Spur – und bekehren will mich hier auch keiner. Stefanie Hertel habe ich leider knapp verpasst. Kennt die jemand von Euch?





Am nächsten Tag geht es wieder zurück nach Brasilien, das Pantanal, das zweite große Ziel meiner Reise wartet. 330km eintönige und inzwischen auch heiße Kilometer bringen mich an die kleine Grenze Porto Murtinho. Die Grenze auf Paraguayischer Seite besteht nur aus zwei Containern für Migration und Zoll, der Papierkram ist gleich erledigt und schon steuere ich selbst die kleine Fähre, die mich rüber nach Brasilien bringt.





