Oh Brasilien! – Aug26
Was hat man über Brasilien nicht schon alles gehört, von wilder Natur und schönen Stränden wird berichtet, von Lebensfreude und kultureller Vielfalt, von viel Fußball und einem historischen 7:1, aber auch von Gefahren und Überfällen, insbesondere auf Motorradfahrer. Ich bin also ganz gespannt, was mich ab heute in Brasilien wirklich erwartet.
Der Grenzübertritt verläuft schon mal problemlos, in 60 Minuten ist der Papierkram bei Immigration und Zoll beider Länder erledigt. Einzig mein falsch geparktes Motorrad sorgt ein wenig für Aufregung beim Brasilianischen Zöllner, wer weiß, vielleicht hatte ich mich, ohne es zu wissen, auf den Parkplatz seines Chefs gestellt. Die Grenzstationen Uruguays und Brasiliens befinden sich einige Kilometer von einander entfernt und dazwischen liegt in der Mitte das Grenzstädtchen Chuy. Nur der unscheinbare Mittelstreifen der Hauptstraße teilt die Stadt in einen Uruguayischen und einen Brasilianischen Teil. Von richtigen Grenzzäunen oder gar Kontrollen keine Spur.

Das urige an Grenzübertritten ist, dass man hier oft auf die interessantesten Reisenden trifft, die man sonst im Land oft gar nicht zu Gesicht bekommt, wie z.B. die drei Brasilianer, die von hier über Patagonien nach Mexiko wandern wollen. Man erkennt an ihrer noch sauberen Ausrüstung, dass sie ihre Reise erst gestern gestartet hatten. Oder Ian, der schon seit Jahren die Welt mit den verschiedensten Fahrzeugen erkundet, gerade mit seiner in Chile gekauften BMW Brasilien bereist und wohl der einzige Australier ist, der kein Bier trinkt. Es wird davon noch die Rede sein.


Mein erstes Etappenziel in Brasilien soll die Gegend um Florianopolis sein, einer Großstadt, 1000km nördlich, direkt am Atlantik gelegen, umgeben von wunderschönen Stränden. Ich will dort meinen Freund Wolfgang aus alten Augsburger Tagen treffen, der vor einigen Jahren hierher ausgewandert ist. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg. Die ersten Kilometer fangen schon mal spannend an, bei einem kurzen Stopp am Straßenrand fliegen mir Teile eines Kotflügels um die Ohren, die von einem geplatzten LKW-Reifen losgerissen wurden. Welch ein Glück, dass mich die Teile knapp verfehlen, ich kann meine Fahrt nach Rio Grande zu meiner ersten Unterkunft in Brasilien unbeschadet fortsetzen. Die Stadt macht einen recht heruntergekommenen, tristen Eindruck und das weiterhin kalte und graue Wetter hilft auch nicht gerade, meine Stimmung zu heben. Gegensätzlicher kann das Leben nicht sein. Während Obdachlose in Mülltonnen nach Essbarem suchen, finden Ian und ich, er hat sich im gleichen Hotel wie ich eingebuchtet, in einer halb eingefallenen Fabrikhalle eine hippe Bierbar, in der man sich sein Bier selber zapfen muss, weil eben hipp. Abgerechnet wird Zentilitter-genau mit einer ChipKarte und der Konsum pro Tisch wird in einem Ranking ohne Rücksicht auf mein Deutsches Datenschutzbedürfnis auf einem Monitor dargestellt. Klar, dass ich mit meinem abstinenten Australier da keinen Staat machen kann!


So, am nächsten Tag geht es dann richtig los mit der Erkundung Südbrasiliens, das insbesondere durch die zahlreichen deutschen und italienischen Einwanderer der vergangenen beiden Jahrhunderte geprägt wurde. Bei vielen Brasilianern, die ich treffe, haben die Großeltern deutsche oder italienische Wurzeln.
Ich nehme nach Florianopolis nicht den direkten Weg an der Küste entlang, sondern fahre etwas weiter im Landesinneren durch die Berge. Im Städtchen Garibaldi buche ich eine historische Zugfahrt durch das Brasilianische Weinbaugebiet. Die Abteils sind mit Gläserhaltern für die Weinverkostung im Zug bestens ausgestattet, Musiker unterhalten mit Italiensicher Musik. Im anschließenden Museumsbesuch erfährt man ein bisschen was über die ausgewanderten Norditalienischen Weinbauern, die die Weinwirtschaft hier aufgebaut haben. Die ganze Veranstaltung ist aber mehr ein Unterhaltungsevent als das sie Wissen vermitteln würde. Aber egal, den Brasilianern gefällt es und ich hab was zu beobachten.










Die Temperaturen ziehen zum Glück etwas an, sogar die Sonne lässt sich gelegentlich sehen und das Preisniveau hat sich gegenüber Uruguay halbiert. Ein Liter brasilianischer Ethanolasprit kostet sogar nur knapp über einen Euro, von hohen Preisen durch den Irankrieg ist hier also nichts zu spüren. Auch das Thema Sicherheit hat sich fürs erste entspannt. Die niedrigen Zäune vor den Häusern sprechen da eine klare Sprache, die würden keinen Einbrecher aufhalten. Und auch von Elektrozäunen wie in anderen Südamerikanischen Ländern üblich, weit und breit keine Spur. Kurzum, meine anfänglichen Zweifel, die falsche Reisezeit und das falsche Ziel gewählt zu haben, sind zerstreut, ich komme so langsam wieder in einen guten Reisefluss und schwinge mein Motorrad, unter dem Helm pfeifend, von einer Kurve in die nächste.


Der weitere Streckenverlauf bringt mich auf kleinen, oft nur geschotterten Wegen durch teils hügelige, teils auch bergige Landschaften, unterbrochen durch atemberaubende Canyon. Ab und dann fackeln Bauern ihre Weiden zur Pflege ab, was aber keine weiteren Folgen hat, viel zu nass sind die Wälder, als dass größere Brände entstehen könnten. Wenn man mit den Leuten spricht, fällt eigentlich immer der Begriff El Nińo. Während es hier normalerweise im Winter kalt und trocken ist, bringt El Nińo diesen Winter auch windige Tage mit viel Regen.








Meine letzte Nacht in den Bergen verbringe ich in einer einfachen Holzhütte, die Obstbauern auf ihrem Hof als Pension betreiben. Und welches Wetterphänomen jetzt dafür auch immer verantwortlich ist, der kalte Sturm in der Nacht pfeift dermaßen durch die Ritzen, dass ich mit Mütze schlafe. Ich fühle mich wie „Der arme Poet“ in Carl Spitzwegs Gemälde.




Der 1400m hohe Pass Serra do Rio do Rastro bringt mich zum Abschluss meiner mehrtägigen Tour durch die Südbrasilianischen Berge schließlich wieder zurück an den Atlantik. Der Pass kann sich durchaus mit so manchem Alpenpass messen. Und ähnlich wie am Stilfser Joch steht ein Berg-Paparazzi in einer Serpentine und macht Bilder von den Motorradfahrern. Aber heute wird auch er mal fotografiert. Dagegen unterscheidet sich die Tierwelt doch stark von der Europäischen. Während auf Rumänischen Pässen Braunbären um Futter betteln, sind es hier die deutlich ungefährlicheren Nasenbären. Und auch die vielen Aufkleber auf der Passhütte stammen, anders als bei uns, nicht von Fußballfans sondern von der in Brasilien großen Motorradfahrer-Community. Gefühlt ist jeder Motorradfahrer in einem Club und hat einen eigenen Aufkleber. Ich verzichte darauf, meinen Aufkleber auch anzubringen, der würde bei der Menge eh nur untergehen. Im weiteren Streckenverlauf ruft ein Monument des Motorradfahrergrußes zur Einkehr in eine Bikergaststätte mit kleinem Freizeitpark. Es gibt sogar eine eigene Helmwaschmaschine. Bei der Gelegenheit erfahre ich endlich, für was der schon so oft gelesene Begriff Tirolesa steht. Nein, es ist keine Tiroler Bratwurst sondern eine Seilrutsche. Nun, liegt ja auch nahe!









Eine Stunde vor Florianopolis wohnt Wolfgang in einem netten Häuschen oberhalb des Praia do Rosa. Dieser traumhafte Strand ist vor allem im Sommer ein Surferparadies und mit etwas Glück kann man beim Frühstück von Wolfgangs Terrasse aus Wale beobachten. Ok, die Fotos sind etwas unscharf, aber mehr geht mit einem iPhone auf die Entfernung einfach nicht. Aber die Fachleute unter Euch werden trotzdem einen Südlichen Glattwal erkennen können. Wolfgang betreut hier übrigens professionell Deutsche Einwanderer bei der Bewältigung des nicht unerheblichen Papierkrams mit den Behörden. Nur so als Hinweis, falls jemand von Euch auch mit dem Gedanken des Auswandern spielt, ich baue gerne den Kontakt auf. Das angenehme Klima hier lädt auf jeden Fall zum Einwandern ein, im Winter nur so kalt, dass ein Kaminofen reicht, um das Haus zu beheizen und im Sommer nicht zu heiß, um eine Klimaanlage zu benötigen. Paradiesisch also!














Von Amethysten und Wasserfällen – Aug/Sept26
Mag das Paradies in Praia do Rosa noch so schön sein, nach ein paar Tagen Faulenzen treibt mich das Fernweh weiter, vor allem, wenn am Ende der nächsten Etappe mein erstes großes Ziel wartet, die Iguazú-Wasserfälle, einem der sieben Weltwunder der Natur.
Aber bevor es richtig los geht, steht noch der große Service an meinem Moped an, denn in Uruguay hatte ich ja, ob der hohen Preise, nur das nötigste machen lassen. Während mein Motorrad bei BMW in Florianopolis steht, erkunde ich die 500.000 Einwohner Stadt. Aber so wirklich viel hat die Stadt nicht zu bieten. Und so bin ich schon früh zurück in der BMW-Werkstatt und versuche, dem Mechaniker etwas zur Hand zu gehen. Wir sind uns schnell einig, er ist der bessere mechanico und ich der bessere tourista. über den Preis für den großen Kundendienst bin ich dann doch überrascht, während Ersatzteile fast das doppelte wie in Deutschland kosten, sind die Lohnkosten fast schon verschwindend gering.


Nach Florianopolis biege ich links ab Richtung Westen. Die nächsten drei, vier Hundert Kilometer sind geprägt durch die deutschen Auswanderer des 19. Jahrhunderts. Nicht umsonst gibt es in Blumenau das zweitgrößte Oktoberfest der Welt. Noch ist es August und ich konzentriere mich daher lieber auf das kleine Städtchen Pomerode, das, wie der Name schon erahnen lässt, von pommerschen Siedlern gegründet wurde. Auch wenn mein lokaler Taxifahrer einen plattdeutschen Dialekt pflegt und ich auch tatsächlich eine Trachtlerin auf dem Weg zu einem Heimatabend fotografieren darf, wirkt das Deutsche in Pomerode doch sehr aufgesetzt und touristisch. Bierwein, Bittersüß und Schornstein sind ja schon eher außergewöhnliche Namen für ein Lokal, einen Geschenkladen und eine Brauerei. Also befrage ich die KI, wo sich denn in Pomerode die Deutschen versteckt halten. Ich solle doch mal ins Bierwein schauen, meint KI. Gesagt getan, aber richtig fündig werde ich da nicht, bis ich beim Rausgehen dann doch mit einem Deutschen Siedler zusammenstoße, der mich gleich zu seiner Rotary Club Sitzung mitnimmt. Unglaublich, die Leute sprechen hier noch deutsch, wenn auch in einem schwer verständlichen Dialekt! Es wird noch ein netter Abend.








Weiter geht es durch eine sehr industrialisierte Region. Vor allem große Agrar- und Lebensmittelfabriken haben sich links und rechts an den viel befahrenen Hauptstraßen angesiedelt. Insbesondere die sportlich fahrenden Lang-LKWs sind immer eine Gefahr für mich als Motorradfahren. Die Größe der Felder und der Silos ist beeindruckend, kein Wunder, dass die europäischen Bauern das EU-Mercosur-Abkommen fürchten.







Wusstet Ihr, dass weltweit die meisten Amethysten in Brasilien gefördert werde?. Da macht es durchaus Sinn, auf dem Weg zu den Wasserfällen einen kleinen Umweg in Kauf zu nehmen um einen Stopp in dem Städtchen Ametista do Sul, dem Zentrum des Amethysten-Abbaus, einzulegen. Laut Reiseführer kann man eine Mine mit gemieteten kleinen Elektromotorräder durchfahren. Das ist natürlich was für mich. Die Tourguides können es gar nicht verstehen, dass ich nicht mit meinem eigenen Motorrad fahren möchte. Mir scheint meine BMW einfach zu breit und die Mine zu schmal. Aber just in dem Moment kommen Brasilianer mit ihren schweren 1250er BMW unbeschadet aus dem Tunnel. Nun, da komme ich jetzt wohl nicht mehr raus aus der Nummer! Die Tour dauert 20 Minuten inkl. der obligatorischen TikTok-Fotos in der Mine und vor dem Motorradfahrer-Gruß-Monument am Ausgang. Von Amethysten und deren Abbau habe ich nichts gelernt, es ging hier wieder mal nur um den Event aber es war dann zumindest ein feucht fröhlicher Abend mit den Brasilianischen Motorradfahrern. Zumindest in der Ortskirche gibt es ein paar beeindruckend große Amethysten zusehen. Das ist dann auch gleich die Gelegenheit, schnell noch eine Kerze für den FCA-Saison-Start anzuzünden, was ja nachweislich tatsächlich geholfen hat.





Und dann endlich die Iguazu-Wasserfälle! 2700m breit und bis zu 82m hoch, sagt Wikipedia. Der Fluss Iguazu bildet hier die Grenze zwischen Brasilien und Argentinien. Somit teilen sich die beiden Länder auch die Wasserfälle. Vom Eingang des Brasilianischen Besucherzentrum aus sind es noch 12km bis zu den Fällen, die man ganz entspannt mit einem Busshuttle erreichen kann, oder mit einem der Leihfahrräder, die offensichtlich nur für deutsche Touristen ausleihen, alle anderen Nationalitäten ziehen den bequemen Bus vor. Sicherheit wird hier großgeschrieben, alle paar hundert Meter steht eine Box mit Fahnen, die man im Falle von Problemen den vorbeifahrenden Busfahrern zeigen kann, blau für technische Probleme des Fahrrads, rot für Probleme des Fahrers, falls er die Fahne dann überhaupt noch schwenken kann. Ich habe Glück, wegen des vielen Regens der letzten Zeit ist der Wasserstand hoch und das Wasser spritzt einem auf der langen Besucherplattform nur so um die Ohren. Ohne entsprechende Kleidung würde man komplett durchnässt werden und muss schauen, dass nicht auch noch das Handy Schaden nimmt. Die meisten der kreischenden Besucher sehen die Wasserfälle gar nicht richtig, stehen sie doch wegen der vielen Selfies die meiste Zeit mit dem Rücken zum Objekt.










In dem Park gibt es sogar ein Hotel, von dem aus man ungestört einen Spaziergang zu den Fällen machen kann, während die Besuchermassen den Park schon wieder verlassen haben. Aber 750€ für ein einfaches Einzelzimmer pro Nacht ist eine Menge Holz.
Von den Fällen 2km flussabwärts werden Fahrten auf großen Motorschlauchbooten angeboten. Die Außenborder scheinen unendlich viel PS zu haben, so souverän wie sie das Boot über die wilden Stromschnellen zurück zu den Wasserfällen jagen. Man sieht die Fälle nochmals von unten und wird spätestens jetzt, bei der Durchfahrt kleiner Wasserfälle, unter dem Gekreische der Jugend komplett naß.




Das bei der Unterkunft gesparte Geld investiere ich jetzt lievef in einen Hubschrauberflug, um mir die Wasserfälle noch mal von oben anzusehen. Ich habe Glück und darf vorne neben dem Piloten sitzen, was mir einen gigantischen Ausblick bietet. Es ist zwar nur ein kurzer Flug von 10 min Dauer. aber so was beeindruckendes habe ich noch nie erlebt und kann über diese unglaubliche Kraft und Schönheit der Iguazu-Wasserfälle nur noch mit offenen Mund staunen..








